Schwuler Glaube

Eine Doku über einen schwulen Imam gesehen und gedacht, wie glücklich wir uns doch eigentlich schätzen könnten, müssten. Natürlich ist noch ein weiter Weg zu gehen, doch so viel haben wir auch schon erreicht, im Vergleich zu diesen Ländern, in denen man einen Schwulen aus dem Fenster wirft oder anzündet und ungestraft davon kommt.

So viele homosexuelle muslimische Flüchtlinge haben mit ihrem Glauben gebrochen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass sich jemals etwas ändert. Doch schauen wir uns nur in unserem eigenen Vorgarten um, wie steht es denn hier mit der Religion? Der Grund, dass wir hier so weit verbreitete Rechte haben, oberflächlich betrachtet gar die gleichen wie Heterosexuelle, liegt nicht in einer Wandlung des Christentums, sondern in einer nach außen hin vorgehaltenen Säkularität des Staates. Und auch wenn immer mehr christliche Glaubensgemeinschaften sich öffnen, darf unsere geehrte Frau Bundeskanzlerin auf das C im Namen ihrer Partei verweisen, um Gesetze abzulehnen. Gibt es bei den Debatten gegen die Öffnung der Ehe überhaupt irgendein Argument, das nicht vermeintlich christlichen Ursprungs ist?

So viel zum säkularen, rationalen Staat.

Also liebe homosexuelle muslimische MitbürgerInnen: Gebt eurem Glauben noch ein paar Jahr(hundert)e. Das Christentum ist auch noch lange nicht angekommen.

Es ist nicht die Religion an sich. Auch wenn es mir als durch und durch rationalem Menschen generell schwer fällt, an ein so widersprüchliches Konzept wie Gott (im christlichen, anthropomorphen Sinne) zu glauben, hat doch Religion sehr viel, was für sie spricht. Es sind immer die Menschen, die aus geschriebenen, überlieferten Worten Handlungsanweisungen machen, ob zu Liebe oder zu Hass.

Gott ist Liebe. Und wenn man dies über jede Religion schreibt, kann sie niemals homophob werden.

Und auch wenn ihr die Religion hinter euch lasst, bleibt immer noch viel Raum für Xenophobie. Nicht die Religion ist das Problem, sondern die Neigung, einmal gehörte Einzelsätze zu ewigen Wahrheiten zu erklären, sich an ihnen festzuhalten und sie auf alle neuen Situationen anzuwenden. Das ist ja auch schön einfach. Man braucht nicht weiter zu denken, wenn man einmal entdeckt hat, was immer wahr ist. Doch die Welt ist zu komplex für Allaussagen. Und kein Weiser wird jemals genug gesehen und erlebt haben, um für jede Situation eine Wahrheit zu haben.

Also hört auf euer Gefühl. Hört auf euren Verstand. Bildet euch eine eigene Meinung. Wenn ihr beten wollt, dann tut es, ob in der Kirche, der Moschee oder eurem Wohnzimmer, ich mache Yoga und auch das ist ein Gebet: ein Weg zu mir, zu Ruhe und zu Dankbarkeit. Wer dankbar ist, kann nicht hassen. Und wenn ihr hasst, dann schluckt den Hass nicht herunter, schreit ihn in den Wald oder schlagt ihn in einen Sandsack, bei dem, was jeder von uns erlebt hat, ist er nur allzu verständlich. Aber nur weil ihr Gruppen hasst, müsst ihr nicht die Individuen hassen. Jeder hat einen Grund für den Weg, den er geht, selbst zu Intoleranz und Gewalt. Folgt ihm nicht, indem ihr selber gewalttätig werdet.

Glaubt, ob nun an Gott (in einem seiner vielen Namen), die Menschen oder die Liebe. Glaubt an euch selbst. Und sperrt eure Ohren auf, wenn jemand euch seine Geschichte erzählt. Sie kann euren Glauben nicht umwerfen, nur erweitern.

Was ist zu Hause?

So reißt es also wieder ein, so viel zu jeden Tag … aber ohne mich bei wem auch immer zu entschuldigen, falls irgendjemandem der fehlende Text überhaupt aufgefallen ist, mache ich mich schnell wieder ans Werk.

Eine weitere ziehende Mutter gibt uns Meryl Streep in Kramer vs. Kramer. Sie verlässt ihren Karrieremann und den kleinen Sohn, weil sie sich nicht ausgefüllt fühlt, nicht die Frau ist, die sie sein möchte. Der Ehemann, Ted, nimmt die neue Rolle als alleinerziehender Vater trotz zahlreicher Schwierigkeiten erstaunlich gut an, trotz Streitigkeiten mit dem Fünfjährigen, der seine Mutter vermisst und den Vater bei der Arbeit stört, wird die Beziehung von Vater und Sohn immer enger.

Nach anderthalb Jahren, in denen sie nur hin und wieder Postkarten geschrieben hat, kehrt Joanna schließlich zurück, als der Alltag des Männerhaushalts sich endlich eingespielt hat. Nach erfolgreicher Psychotherapie geht es ihr bedeutend besser, sie habe gelernt, dass sie eine gute Mutter sein könne, und verlangt das Sorgerecht für ihren Sohn zurück. Das – sowie eine Kündigung Teds, weil er zu viel Zeit mit seinem Sohn verbracht hat – bringt das kleine, heile System von Vater und Sohn durcheinander. Vor Gericht streiten die Eltern erbittert um das Sorgerecht. Joanna weist nach, dass sie eine gute Mutter sein könnte, ob Ted ein guter Vater ist, interessiert weniger, denn er ist nunmal – „nur“ der Vater. Wie zu der Zeit und in der Situation eigentlich zu erwarten, gewinnt Joanna. Für Vater und Sohn bricht eine Welt zusammen, trotzdem gibt Ted sein Bestes, es für seinen Sohn nicht noch schwieriger zu machen, verzichtet auf eine Berufung, um den Jungen nicht vor Gericht befragen lassen zu müssen, und versucht, das Ansehen seiner Mutter bei Billy zu steigern.

Und dann kommt er, der Tag, an dem Joanna Billy abholen soll. Sie trifft sich mit Ted im Foyer des Mietshauses und gesteht ihm unter Tränen, dass sie vor Gericht gezogen sei, um ihren Sohn nach Hause zu holen, und erst jetzt gemerkt habe, dass er bereits zu Hause sei. Sie verzichtet auf das zugestandene Sorgerecht.

Der Film von 1979 gibt damit eine interessante Ansicht auf das Familienleben. Wenn beide Eltern ihre Rolle gleichermaßen gut erfüllen, nur nicht mehr zusammen leben können, warum sollte dann das Kind gerade bei der Mutter leben? Wenn Männer und Frauen wirklich gleichberechtigt sind, dürfen Frauen auch nicht in einzelnen Gebieten, wie z.B. der Familie, bevorzugt behandelt werden. Gerade der Rückzug Teds, um Billy nicht in den Zeugenstand rufen zu müssen, zeigt, dass er ein sehr guter Vater ist. Aus heutiger Sicht, mit alleinerziehenden Vätern oder zwischen den Elternteilen hin und her pendelnden Kindern, mag die Frage nicht mehr so wichtig erscheinen, doch gerade wenn wir uns die Wahrnehmung von Regenbogenfamilien ansehen, scheinen Elternteile doch noch allein auf Grund ihres Geschlechts als mehr oder weniger geeignet für die Erziehung betrachtet zu werden („Ein Kind braucht doch seine Mutter!“ oder „Ein Kind braucht doch ein männliches Rollenmodell!“ als Kritiken an Homo-Eltern zeigt, dass der Glaube, allein das biologische Geschlecht qualifiziere jemanden für bestimmte Aufgaben, immer noch sehr stark ist.)

Für ihre Rolle als Joanna hat Meryl Streep ihren ersten Oscar bekommen, wer jedoch von dieser Rolle die gewohnt starken Gefühle der späteren Meryl erwartet, wird enttäuscht. Joanna ist eine stille Rolle, die Gefühle werden unter der Fassade einer zunächst depressiven und später zweckmäßig gefassten Frau verborgen. Diese unterdrückten Gefühle mögen zwar weniger aufdringlich-offensichtlich sein als die laute Wut einer Ricky, doch sie sind immer drückend greifbar und vermutlich sehr viel schwerer zu spielen. Der Oscar ist also völlig verdient, auch wenn die Aufrechterhaltung der Fassade die Atmosphäre des Filmes manchmal in eine langatmige Kühle abgleiten lässt. Und dann kommen sie doch wieder, die starken Gefühle, und brechen sich unerwartet Bahn, denn sie liebt ihren Sohn, auch wenn sie ihn für etwa achtzehn Monate verlassen hat.

Und sie liebt auch Ted, obwohl sie an seiner Seite nicht glücklich war. Man spürt ihre Zerrissenheit, auch wenn sie sich bemüht, vor Gericht die Fassung zu wahren, auch wenn sie den Zuschauer nicht zerreißt.

Dafür sind die Gefühle doch zu dezent, dafür ist der heutige Fernsehzuschauer vielleicht zu abgestumpft durch die starken Gefühle, Dramatik und Action neuerer Filme. Die subtilen Zwischentöne zwischen Lachen und Weinen zu sehen ist schwer, das erfordert Konzentration. Und vielleicht auch einen zweiten Durchgang.

Wo die Liebe hinfällt …

Von einer unverstandenen „Hexe“ jenseits der Märchenwelt handelt der nächste, durch puren Zufall erwählte Film: Ricky and the Flash. Der Film, der sehr unterschiedlich aufgenommen wurde, handelt von einer alternden Rockerin, die für ihre Musik ihre Familie verlassen hat und nun wieder zurückkommt, um ihrer Tochter durch eine Scheidung zu helfen. Aber sie ist nicht wirklich willkommen. Ihre Söhne hassen sie, die zweite Frau ihres Exmannes behandelt sie von oben herab und die Tochter schwankt zwischen Wut und Sehnsucht und lässt ihren Gefühlen völlig ungehemmt freien Lauf. Dabei wollte Ricky doch nur das Beste für alle: Und das sah sie nuneinmal darin, die Familie zu verlassen, weil sie die Musik nicht lassen konnte.

Die Kritiken stören sich an dem klischeehaften Drehbuch, schließlich sei uns doch allen klar, dass Rockband und Familie nicht zu vereinbaren seien. Besonders jedoch an diesem Film ist, dass die Mutter die Rockerin ist. Wie Ricky auf einem Konzert ihrem erstaunten Publikum entgegenpöbelt, dürfen Männer die Familie verlassen, um mit ihrer Musik Karriere zu machen, und werden weiterhin bewundert. Frauen dagegen sind sogleich ein Monster. Und sie darf es noch nicht einmal kritisieren, weil es die Stimmung versaut, ihre Band würgt ihren Ausbruch so schnell wie möglich ab.

Und ja, sie hat keine Karriere gemacht. Aber sicher nicht, weil sie die Musik nicht genügend geliebt hat. Um bekannt und reich zu werden, gehört sehr viel mehr dazu als nur Talent und Hingabe, man braucht Glück dafür, und das haben vielleicht nur, aber doch nicht alle Tüchtigen. Und wer von ihr verlangt, die Musik aufzugeben, weil sie doch zum Leben nicht reicht und Ricky nebenbei Schichten an der Supermarktkasse schieben muss, hat nicht verstanden, was eine Leidenschaft ausmacht.

Gerade dies war das Problem ihrer Ehe, nicht die Musik an sich. Viele Menschen können vielleicht ihren Beruf aufgeben oder einschränken, um die Familie an die erste Stelle in ihrem Leben zu setzen, doch eine Leidenschaft wie Rickys lässt sich nicht abschalten und der Versuch, sie zu unterdrücken, und sei es nur auf Zeit, wird immer zur Eskalation führen. Leidenschaft lässt sich sehr wohl mit Ehe und Familie vereinbaren, hoffe ich jedenfalls, aber nicht mit einem Partner, der keinerlei Verständnis dafür aufbringt. Und dann ist es egal, ob es der Mann oder die Frau ist, der bzw. die mit Leidenschaft bei der Arbeit oder einer (wenig einträglichen) Kunst ist, der andere muss nuneimal seinen Part in der Familie zu übernehmen bereit sein.

Rickys Mann war es nicht. Als sie wieder unter seinem Dach lebt, um für die gemeinsame Tochter da zu sein, scheinen die alten Gefühle zumindest teilweise zurückzukommen, doch kaum ist Ehefrau Nummer 2 von dem Besuch bei ihrer kranken Mutter zurück, zeigen sich die Unterschiede. Vielleicht fand er Ricky spannend, mit ihr kann man viel Spaß haben und verrückt sein, aber im Endeffekt wollte er dann doch eine Frau, die ihn umsorgt.

Wenn Ricky ein Mann wäre, hätten die Abende auf Konzerten auch zu Problemen führen können, aber niemand hätte von ihr/ihm erwartet, dass sie/er Wäsche waschen kann und morgens Frühstück macht. Niemand hätte zu verlangen gewagt, dass mit der Musik Schluss ist, wenn die Kinder da sind.

Und natürlich hat auch Ricky ihre eigenen, unverarbeiteten Traumata und Bindungsschwierigkeiten. Natürlich ist sie nicht unschuldig. Aber es läuft immer wieder auf den Vorwurf hinaus, dass sie als Mutter die Musik mehr geliebt hat als ihre Kinder – und dann auch noch keinen Erfolg darin hatte.

Am Ende spielt Ricky mit der Band auf der Hochzeit ihres Sohnes, zu der sie auf den letzten Drücker doch noch eingeladen wird, und ihre Kinder scheinen überrascht zu sein, dass sie gut ist. Dass Meryl Streep unheimlich gut singen kann, haben wir schon gewusst, und auch die Rockmusik gibt sie brilliant wieder, ihre tiefe, gefühlsschwere Stimme lässt mich fast bedauern, dass sie eine so gute Schauspielerin ist. Sonst hätte sie vielleicht mehr Musik gemacht. Aber Rickys Kinder scheinen nicht zu wissen, dass ihre Mutter gut ist, auch wenn sie keinen großen Erfolg hat.

Als Ricky die Familie verlassen hat, waren die Kinder vielleicht noch zu klein, um auf Rockkonzerte zu gehen. Aber hat sie wirklich nie für die Kinder gesungen? Oder war ihr Vater so verletzt nach der Trennung, so eifersüchtig auf die Musik, dass er den Kindern das Interesse am Wirken ihrer Mutter vollkommen ausgeredet hat? Haben die Kinder während der Pubertät wirklich nie versucht, gegen den Vater zu rebellieren, indem sie ein Konzert der verpönten Mutter besuchen?

Was in anderen Scheidungsfamilien vielleicht unplausibel wäre, macht hier durchaus Sinn: Von allen Beteiligten wird die Liebe zur Musik immer mit der Liebe zu den Kindern verglichen, wobei die Kinder am Ende verlieren. Kein Wunder, dass sie sich für die Musik nicht interessieren. Dabei muss hier gar keine Konkurrenz bestehen. Dass Ricky die Musik nicht aufgeben konnte, muss doch nicht heißen, dass sie die Kinder nicht (genug) liebt, sie liebt nur die Musik zu sehr. Und die Kinder zu verlassen ist nur folgerichtig. Sie liebt ihre Kinder, bekommt aber immer wieder gesagt, dass sie keine gute Mutter sei. Also verlässt sie die Familie, um Platz für eine neue, bessere Mutter zu machen.

Vielleicht ist das zu idealistisch gedacht, schließlich erfährt man über die Trennung nur indirekt etwas. Es ist einfach schwer, mir Meryl Streep in einer unsympathischen Rolle vorzustellen. Doch ihr Verhalten gegenüber den erwachsenen Kindern legt meine Deutung durchaus nahe.

Und so würde ich mich verhalten, wenn ich Kinder hätte und einen Partner, der in Konkurrenz mit der Literatur steht. Wenn ein Mensch mich zwingen würde, zwischen der Literatur und ihm zu wählen, würde ich mich immer für die Literatur entscheiden, ganz egal, ob ich Erfolg habe oder nicht. Denn ich kann mich einfach nicht gegen das Schreiben entscheiden, so wie Ricky sich nicht gegen die Musik entscheiden konnte. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich niemanden lieben könnte oder keine Familie haben, denn zu einer Familie gehören schließlich immer mehr.

Rockmusik ist (wie jeder andere leidenschaftliche Beruf auch) mit Familie vereinbar, nur nicht, wenn der Ehemann erwartet, dass im Grunde jede Mutter eine alleinerziehende Mutter ist, die keine eigenen Bedürfnisse mehr hat. Aber dann ist es auch schon egal, ob die Mutter Rockmusikerin ist, leidenschaftliche Gärtnerin oder sich aufopferungsvoll kümmernde Tochter – dann wird die Familie eh nicht funktionieren.

Und es gibt doch ein richtiges Leben im Falschen

… jedenfalls für manche. Soll heißen: nicht jeder Schauspieler braucht einen guten Film für eine gute Performance.

Doch noch eins vorne weg: Es war natürlich dann doch keine große Kocherei mehr gestern. Ich habe Meryls Twitterseite gestalkt und mich festgelesen. Wie genial ist das denn, dass eine, ‚tschuldigung für die Ausdrucksweise, Göttin wie sie auf Beiträge eines Irgendwers antwortet? Passt doch irgendwie zu dem Julia-Text. Und zeigt, dass sie doch nicht Julia ist, sondern besser. Also gab es nur noch Spagetti-Sojanese, aber das Zwiebelhacken habe ich immerhin von Julia bzw. Meryl gelernt.

Und aus Zeitmangel beschäftige ich mich heute mit dem einzigen Film mit Meryl Streep, den ich mir für diese Aktion kein zweites Mal ansehen mag: Into the woods. Ich habe den Film im Kino gesehen, als er erschien, verzeiht mir also, wenn mein Gedächtnis mich hin und wieder im Stich lässt, für den Notfall gibt es ja Wikipedia und Youtube.

Es geht jedenfalls, kurz gesagt, darum, was mit den Figuren aus Märchen passiert, wenn die Geschichte zu Ende ist, die Prinzen geheiratet und die Riesen besiegt sind und der Alltag wieder einkehrt. Alles in allem eine großartige Idee. Die Umsetzung dagegen …

Der Film springt scheinbar wahllos von einer Geschichte zur anderen, alle singen ohne ersichtlichen Grund und die gelegentlich aufkommende Magie verfliegt genauso schnell wieder. Der Film hetzt viel zu schnell durch viel zu viele Märchen und hat sich einfach zu viel auf einmal vorgenommen.

Es hätte eine großartige Geschichte darüber sein können, dass erfüllte Wünsche nicht immer Erfüllung bringen und Flüche unerwartet weite Kreise ziehen, doch trotz des Versuches, hinter die stereotypen Eigenschaften der klassischen Märchenhelden zu blicken, bleiben sie doch – stereotyp. Selbst der grandiose Johnny Depp als Wolf in menschlicher Gestalt bleibt eine nette Randnotiz, der Spagat zwischen Kitsch und Zynismus gelingt nicht.

Die einzige, die mal wieder hervorragend ist, wer hätte das gedacht: Meryl Streep in ihrer Rolle als böse Hexe, die total missverstanden, einsam und traurig ist, ihre böse Natur kennt und trotzdem eine gute Mutter für Rapunzel sein will, eine wahrlich tragische Heldin, was für Disney eine geniale Neuerung ist, nur leider in einem weniger genialen Rahmen. Als böse Hexe kann Meryl aus dem Vollen schöpfen: die Verzweiflung der Selbsterkenntnis, böse zu sein und geliebt sein zu wollen, gleichermaßen die Freude und das Elend des Böseseins, endlich kommt Gänsehaut auf, wenn sie ihrem Schmerz in Last midnight freien Lauf lässt. „You’re so nice, you’re not good, you’re not bad, you’re just nice“ und genau das ist dieser Film, nett, aber – er hält sein Versprechen nicht. Nur Meryl, was zeigt, dass eine großartige Schauspielerin keinen großartigen Film braucht, um, naja, großartig zu sein.

Und auch wenn Adorno vermutlich nicht begeistert wäre, auf die Kulturindustrie angewendet zu werden: Sie zeigt, dass ein richtiges Leben im Falschen funktioniert, im Film wie im Leben, wenn sie an etwas so absurdem wie Filmpreisverleihungen teilnimmt und mit einer gänsehautmachenden Rede etwas Gutes aus der Feier der Eitelkeit macht. Aber da waren wir ja schon.

Also zum Abschluss: Disney, mach kitschige Märchen, das kannst du. Wir müssen es halt einsehen, nicht jeder kann Meryl sein, nicht jeder kann in jedem Genre zu Hause sein.

Die Liebe zu Fremden

Und damit kommen wir heute zu dem Film, der mich tatsächlich erst auf die Idee dieses Projekts gebracht hat: Julie & Julia von 2009.

Im Film geht es um zwei Frauen, Seelenverwandte, wenn auch getrennt durch Raum und Zeit. Julia (gespielt von Meryl Streep) zieht mit ihrem diplomatisch beschäftigten Ehemann durch Europa und lernt in Paris kochen, um nicht nur Ehefrau zu sein; Julie (Amy Adams) hat mehr als 50 Jahre später den Traum vom Schreiben für eine sichere Tätigkeit in der Verwaltung aufgegeben und lernt – durch ein von Julia geschriebenes Kochbuch – kochen, um darüber einen Blog zu schreiben: 524 Rezepte in einem Jahr. Der Film zeigt die Liebe zum Kochen und die Liebe zum Schreiben, aber auch diese etwas sonderbare, fanatische Liebe, die Julie für eine ihr völlig Fremde, nämlich Julia, empfindet.

Und darin besteht auch der größte Unterschied zwischen beiden Frauen: beide essen, kochen und schreiben gern, beide haben einen Ehemann, der sie bedingungslos unterstützt, aber in Julies Leben, Kochen und Schreiben drängt sich immer wieder dieses Fantasiebild von Julia, das Julie antreibt und zeitweise zum Wahnsinn treibt, dem Julie nacheifert, was immer wieder zu Problemen in Julies Ehe führt. Am Ende zeigt sich, dass die echte Julia von Julies Blog erfahren hat und gar nicht begeistert davon ist – eine ernste Sache für Julie, die sich so mit ihr identifiziert hat.

Dieses Problem zumindest besteht bei mir wohl kaum. Nicht nur, dass es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass Meryl Streep jemals von diesem Blog erfahren wird, bleibt mir noch die Hoffnung, dass sie nicht genügend Deutsch kann, um ihn zu verstehen. Außerdem habe ich vor, mich – anders als Julie – lediglich mit Meryls Arbeit zu beschäftigen, weniger mit ihrem Leben. Ich hasse dieses Verlangen, sich in den Alltag bekannter Menschen drängen zu müssen. Sicher haben sie als öffentlich wirksame Personen eine gewisse Verantwortung, vielleicht sogar die Verpflichtung, etwas von sich preiszugeben, aber dahinter sind sie auch immernoch Menschen wie jeder andere und behalten das Recht, auch etwas zurückzuhalten.

Doch zurück zum Film. Es gibt noch einen weiteren offensichtlichen Unterschied zwischen beiden Frauen: Julia ist eine schillernde Persönlichkeit, in der Lage, alle Menschen sofort für sich einzunehmen, eine Rolle, wie ich sie Meryl Streep sehr viel leichter abkaufe als die gestern beschriebene Hyäne, obwohl – beide Rollen kann Meryl gleichermaßen überzeugend spielen, doch ich hoffe, dass sie eher wie Julia und weniger wie Madeline ist. Julia ist selbstbewusst, sie setzt sich in einer von Männern dominierten Welt durch, als sie in ihrer Schule einen nur von Männern besuchten fortgeschrittenen Kochkurs besucht, anstatt sich mit dem „gelangweilte Hausfrauen“ Kurs zufrieden zu geben, und entwickelt darin soviel Ehrgeiz und Konkurrenzdenken, dass sie ihren Ehemann zu Hause mit einem riesigen Berg gehackter Zwiebeln überrascht. Ihre offenherzige Freude darüber, dass die Übung sich in der nächsten Stunde auszahlt und sie schneller als alle Männer ist, ist wunderbar.

Julie dagegen ist eher das Mädchen von nebenan – sie trifft sich mit Freundinnen, die sie gar nicht mag und die sie von oben herab behandeln, bleibt in einem Job, der sie nicht befriedigt, und fragt sich permanent, wozu sie sich mit ihrem Blog eigentlich solche Mühe gibt, ob irgendjemand ihn überhaupt ließt.

Und auch das passt irgendwie auf mich und Meryl. Jedenfalls das Bild, das ich von Meryl Streep habe, die ich übrigens niemals duzen würde, auch wenn ich hier immer nur den Vornamen verwende. Gottseidank stellt sich diese Frage in der englischen Sprache gar nicht, selbst wenn ich jemals die Ehre bekommen sollte, sie zu treffen, was ich natürlich nicht erwarte, aber ein Mädchen darf ja träumen.

Auch ich frage mich regelmäßig, ob irgendjemand überhaupt meine Worte ließt, jemand, der es nicht muss, weil er bzw. sie mit mir zusammen lebt und ich sie immer wieder danach frage. Auch ich frage mich, ob ich mir überhaupt die Zeit zum Schreiben nehmen sollte, schließlich gibt es schon so viele gute Bücher, warum sollte gerade ich noch etwas dazu beitragen können.

Und jetzt frage ich mich natürlich aus gegebenem Anlass auch, ob es Parallelen zwischen mir und Meryl Streep gibt. Ihre viel zitierte Rede bei der Golden Globe Verleihung hat mich sehr beeindruckt, nicht nur, was sie über die Beziehung von Hollywood und Ausländern gesagt hat oder über Donald Trump, sondern vor allem ihre Worte über die Rolle des Schauspielers, den ‚Act of Empathie‘, in dem Kunst besteht. „Take your broken heart, make it into art“, was sie im Übrigen von Carrie Fisher zitiert hat, dieser Satz in einer von Tränen zitternden Stimme hätte genügt, damit ich sie liebe, wenn ich es nicht vorher schon getan hätte. Genau das ist der Grund, warum ich schreibe, warum ich es immer getan habe und niemals damit aufhören werde – die Welt bricht mir jeden Tag von neuem das Herz und ich muss schreiben, um zu überleben.

Und genau darum hat mich dieser Film zu einer Meryl Streep-Challenge inspiriert. Ich könnte mich schließlich auch, wie Julie, durch ein Kochbuch arbeiten, wenn auch nicht gerade durch Julias, zu viel Fett und totes Tier. Doch wer sollte das alles essen?

Ich könnte mir natürlich wie Julie auch eine Frist setzen, 60 Filme in 30 Tagen, das erscheint doch machbar? Aber ich mache es lieber nicht. Es würde bestimmt dazu führen, dass ich nur noch fernsehe und nicht mehr schreibe, mich ganz bestimmt nicht mit jedem Film so intensiv auseinandersetze, wie ich es vorhabe. Und mal ehrlich, wenn ich für 60 Filme 80 Tage brauchen sollte, habe ich doch auch viel mehr davon, nicht wahr?

Julia ist also sehr viel schillernder als Julie, doch ist sie dadurch glücklicher? Julie zerfleischt sich permanent selbst und geht nur in ihrer Liebe zu Julia wirklich auf, Julia dagegen ist einfach fröhlich und genau darum strahlt sie so, nicht andersherum. Woher kommt nur unser Wunsch, einem bekannten Menschen nachzueifern, unsere Überzeugung, einen Menschen, den wir gar nicht kennen, zu lieben? Wir bilden uns immer ein, die Reichen und Berühmten seien so viel glücklicher als wir und wir wären gerne wie sie, wären wenigstens gerne mit ihnen bekannt – und ich nehme mich da ganz sicher nicht aus. Auch ich stelle mir gerne vor, mich mit Meryl Streep über Filme oder mit Joanne Rowling über Literatur zu unterhalten. Dabei sind sie doch eigentlich auch nur Menschen, keine besseren oder schlechteren Gesprächspartner als der Gegenüber in der Straßenbahn.

Die Julia ihrer Fantasie, der Julie nacheifert, sei viel wichtiger als die echte Julia, die ihren Blog nicht mag, sagt Julies Mann am Ende. Und genau darum geht es wohl. Dass wir bei den bekannten Persönlichkeiten, die wir bewundern, auch wenn wir sie nie getroffen haben, den echten Menschen mit all seinen Schwächen und Eitelkeiten ignorieren können, so einem Ideal nachlaufen, das wir zwar nie erreichen werden, das uns aber auch niemals kritisiert. Es ist einfach mit diesen Idealpersönlichkeiten. Doch können sie uns glücklich machen? Schließlich werden wir niemals so perfekt werden wie sie. Sie werden uns auch niemals auf die Schulter klopfen und unseren fehlgeschlagenen Versuch würdigen.

Vielleicht sind Menschen gern einmal auf diese Weise unglücklich, um ein Ventil zu haben für all die Selbstzweifel und Unsicherheiten, die wir im Alltag nicht zulassen können.

Wie dem auch sei: Ich werde mir jetzt ein paar Sojamedaillons panieren, ich habe Lust zu kochen!

Ewige Jugend

Der März ist Meryl – und damit beginne ich mal wieder eine neue Reihe, auch wenn der März schon ein paar Tage alt ist. Vielleicht ziehe ich damit den März in den April, vielleicht noch weiter, die großartige Meryl Streep hat eben viel zu viele Filme gemacht, um damit nur einen Monat zu füllen.

Und genau darum soll es mir gehen: Ich nehme mir jeden Tag (sofern ich es schaffe) einen Film mit Meryl Streep vor und lasse mich von ihm inspirieren. Dabei ergeben sich, hoffentlich, ganz persönliche Filmkritiken, ohne demjenigen, der den Film noch nicht gesehen hat, zuviel zu verraten, ohne großartig auf Filmtechniken einzugehen, denn davon habe ich keine Ahnung, und mit einer starken Fokussierung auf Meryl Streep, auch wenn sie natürlich totally overated ist. 😉

Und so beginne ich mit einem Film, in dem Meryl zwar eine für sie eher ungewöhnliche Rolle spielt, der aber doch sehr wegweisend für mein ganzes Projekt ist, auch wenn ihr es auf den ersten Blick vielleicht nicht erkennen könnt: Ich rede von Der Tod steht ihr gut von 1992. In dieser verrückten, schwarzen Komödie spielt Meryl eine – für sie ungewöhnlich – unsympathische Rolle als in die Jugend vernarrte, neurotische Schauspielerin, die ihrer seit der Kindheit hassgeliebten engsten Freundin und ärgsten Konkurrentin den Mann stiehlt, einen Schönheitschirurgen, gespielt von Bruce Willis, auch in einer für ihn eher ungewöhnlichen Rolle. Die Freundin, gespielt von Goldie Hawn, kann diesen Verrat auch nach Jahren nicht vergessen und beschließt, sich zu rächen. Doch der Versuch, sie zu töten, schlägt in zweierlei Weisen fehl – einerseits, weil der tollpatschige Bruce seine Frau im Streit eine Treppe herunter stößt, anstatt sie wie geplant auf subtilere Weise loszuwerden, andererseits, weil Meryl schon vor einer Weile ein geheimnisvolles Elixier getrunken hat, dass ihr ewige Jugend verspricht.

Und so beginnt der ganze Film etwas absurd zu werden, wie es der Wunsch nach ewiger Jugend ja auch ist – Meryl, und auch Goldie, die den Trank ebenfalls getrunken hat, kann zwar nicht sterben, ihr Körper kann aber durchaus zerbrechen, und so stolpert sie zunächst mit auf den Rücken verdrehtem Kopf durch ihr riesiges Haus, Goldie erhält einen Bauchschuss, der ein riesiges Loch in ihren Torso reißt, durch den danach SlapStickmäßig Gegenstände und Blicke fliegen. Bruce, der aufgrund langjähriger Alkoholabhängigkeit ohnehin nur noch Schönheitschirurg für reiche Tote ist, wird herangezogen, um die zerstörten Körper wieder herzurichten, aber durch ihre Feindfreundschaft können beide nicht sonderlich auf ihre unsterblichen Körper aufpassen und sie sind von Schönheitsreparaturen abhängiger als je zuvor.

Dabei wird der Schönheitswahn dieser Hollywoodkultur im ganzen Film nicht wirklich hinterfragt. Er wird als gegeben angenommen, dem alle Frauen hinterherrennen müssen, um mithalten zu können, und gerade dadurch stößt er dem Zuschauer noch stärker auf – er fragt sich, warum hören sie nicht einfach auf damit? Warum machen sie sich diesen Stress?

Jedenfalls fragte ich mich dies. Ich persönlich finde Meryl Streep auch heute noch wunderschön, gerade mit den Zeichen des Alters. Und ich hoffe, auch so gelassen altern zu können, auch wenn die bevorstehende 30 nicht gerade auf Grund körperlicher Zeichen gruselig ist, bis ich mir darum Gedanken machen ‚muss‘ (natürlich muss ich es gar nicht, darum die Gänsefüßchen), habe ich noch ein paar Jahre.

Doch habe nicht auch ich mal über Unsterblichkeit nachgedacht? Das Leben ist so kurz und es gibt so viel gute Bücher, so viele interessante Menschen, Länder und Kulturen, so viel Zeit vergeudet man an langweilige Notwendigkeiten wie Haushalt und Steuererklärungen, wäre ein ewiges Leben nicht wunderbar?

Bruce Willis lehnt die Unsterblichkeit in seiner Rolle ab, auch wenn die beiden Frauen ihn dazu drängen wollen. Unsterblichkeit wäre doch unendlich langweilig, alle Menschen um einen herum sterben, nur man selber nicht, die unsterblich Jugendlichen, zu denen übrigens auch Elvis gehört, als netter Witz am Rande, müssen sich in ihrer verschworenen Gemeinschaft verstecken, um nicht aufzufallen – all das klingt nicht wirklich wünschenswert. Und schauen wir uns die wirklich Alten unserer Gesellschaft mal an – was ist es, worüber sie klagen? Runzeln? Ein weniger straffer Bauch? Wohl kaum. Das ist ein Problem der Vierzigjährigen, nicht der Achtzigjährigen. Dann kommt die Langeweile, die Einsamkeit. Ein ewiges Leben ist nur dann erträglich, wenn alle ewig leben, oder zumindest die, die man am meisten liebt.

Und was, wenn wirklich alle ewig leben würden? Wir dürften keine Kinder mehr bekommen, es ist schließlich jetzt schon ziemlich voll auf der Erde. Im Bild des Films müssten wir auch noch entsetzlich vorsichtig sein, schließlich heilen Verletzungen nicht mehr, ist man erstmal lebender Toter. Wenn Unsterblichkeit wie im Film Unvernichtbarkeit bedeutet (man also nicht nur nicht an Alter stirbt, sondern auch nicht an schwersten Verletzungen) wird das Bild erst richtig grotesk, am Ende fallen beide Frauen vollständig auseinander, doch die vom Körper getrennten Köpfe leben immer noch.

Doch selbst wenn durch irgendeine magische Formel allein der Alterstod verhindert werden könnte und wir solange dreißig sind, bis uns jemand eine Treppe hinunterstößt – wäre das eine schöne Vorstellung? Das Leben wäre zwar vielleicht länger als heute, im Durchschnitt, denn Kinder würden ja immernoch bei schwersten Unfällen sterben, aber dadurch wäre es noch unwägbarer. Wir würden nur noch mehr glauben, ewig Zeit zu haben, und Dinge auf morgen verschieben, weil wir gerade zu faul sind. Und dabei will ich gar nicht eine moralische Unterscheidung zwischen Dingen, die wir tun sollten, und Dingen, die wir tun wollen, treffen. Aber kennt nicht jeder die Situation, dass er irgendetwas wirklich gerne tun würde, es aber doch nicht tut, weil es Aufwand erfordern würde? Ein langes Buch zu beginnen, eine Reise zu machen, ein Instrument zu lernen – all das mögen Dinge sein, die ich gerne tun würde. Aber erst morgen, heute seh ich lieber noch etwas fern, ich bin so müde …

Was wenn ich denken würde, für diese Dinge hätte ich, wenn ich nur immer gut aufpasse und Unfälle vermeide, hunderte von Jahren Zeit? Natürlich kann man mehr oder weniger vorsichtig leben, aber ganz ausschließen lassen sich Unfälle nicht. Dann riskiere ich beim Verlassen des Hauses doch lieber fünfzig bis sechszig Jahre als eine Unendlichkeit …

Und warum fand ich den Film nun so passend für einen Start in meinen Merylmärz? Der Film ist fünfundzwanzig Jahre alt. Wenn Meryl Streep heute noch so aussehen würde wie damals, hätte sie nicht all diese großartigen Rollen spielen können, die sie seitdem gespielt hat. Schönheit ist Ausstrahlung – und die gewinnt eher, durch ein paar Falten.

Erwachsen sein

Der Vorteil vom dreißig sein ist, dass man sowohl bei NewYorker als auch bei SinnLeffers einkaufen kann, ohne komisch angeguckt zu werden. Man kann die Stile wechseln wie die Stimmung und passt überall noch rein.

Oder auch nirgends. Mit einem Notizbuch in der Hand irgendwo Kaffee zu trinken habe ich schon immer gemacht. Ich werde von Menschen ganz verschiedenen Alters gleichermaßen gemocht und habe doch kaum wirkliche Freunde. Ich bin kein Student mehr, aber berufstätig bin ich auch nicht. Ich bin ein Beobachter und Beobachter stehen immer draußen.

Ein Beobachter mit stift auf Papier und Stöpsel in den Ohren, damit mich bloß niemand anspricht. Ich will mich durch kein Gespräch von den Bildern in meinem Kopf ablenken lassen und niemandem gegenüber meinen Aufenthalt in einem Café rechtfertigen müssen – mitten in der Woche mitten am Tag, obwohl ich doch im besten Alter bin, das Bruttosozialprodukt zu steigern.

Draußen wird langsam Frühling, in mir schwankt das Wetter zwischen Hochsommer und Nordpol. Ich weiß nicht, was ich anziehen will.

Ich will noch nicht erwachsen sein, auch wenn ich bald dreißig werde. Ich will nicht alt, vernünftig und langweilig sein. Ich will mich nicht an das Modell eines Lebens verlieren, das nur die Tarnung des Überlebens ist, das ich nicht selbst mindestens hundert Mal umgeändert habe, das bleibt, schon seit Generationen, und mich festhält, bis ich wirklich alt und grau bin.

Es wird Zeit, mir ein Tattoo zu stechen oder die Haare abzuschneiden, für mehr Ausbruch reicht meine Energie nicht mehr. Schatz, lass uns einfach durchbrennen – wir schauen einen Film über Australien, nur nicht so lange, ich weiß ja, du musst morgen früh raus …

In Zeiten, in denen immer offensichtlicher wird, dass solche Willkürlichkeiten wie Staatsangehörigkeit und Geburtsort über Leben und Tod entscheiden, sollte man sich eigentlich nicht wundern, dass das zufällige Alter eine wenig zufällige Rolle spielt, und eigentlich war es auch immer so, man konnte es nur besser verdrängen, nur – ich will will will nicht!

Ich will mich nicht binden, nicht festlegen, auf einen Lebensentwurf, den ich niemals ausprobieren konnte, auf einen Job, der meine Energie frisst, um meinen Körper zu ernähren, auf eine Stadt, wenn es doch Millionen andere gibt – ich will reisen, wenigstens, vor allem in Gedanken, zehn völlig verschiedene Bücher parallel lesen und nur ein oder zwei, weil ich es muss, mich in diesen Gedankenreisen verlieren und keinen Wecker stellen müssen. Ich will morgens mit dem Griff in den Kleiderschrank entscheiden, wer ich heute sein will, und mir nicht von Terminen vorschreiben lassen, wann morgens ist. Ich will in Cafés herumhängen, die Geschichten des Lebens beobachten und schreibend die Schönheit darin zeigen. Denn sie sind schön, wenn man sich mal die Zeit nimmt, genauer hinzusehen.

Was ich werden will, wenn ich erwachsen bin? Ich will jemand sein, der immernoch den Mut und die Kraft hat, immer wieder jemand anderes zu werden.

Unbelehrbar

„Und, was wolltest du früher immer werden?“ ist eine beliebte Frage auf Firmenweihnachtsfeiern und zweiten Dates. Die noch unverfälschten Kindheitsberufswünsche scheinen einem viel über einen Menschen zu verraten. Mich dagegen bringt diese Frage immer ziemlich in die Bredouille.

Es ist nicht, dass ich nicht geworden bin, was ich als Kind werden wollte. Das ist ja gewissermaßen die Grundvoraussetzung für dieses Spiel. Und es ist auch nicht, dass ich gar nichts geworden wäre. Ich bin alles Mögliche geworden und erwecke mit meinem kunterbunten Lebenslauf immer wieder Erstaunen. „Du hast als Kutschtaxifahrerin gearbeitet?“ „Du hast einen Abschluss in Philosophie?“ „Du hast im Nebenfach Neurowissenschaften studiert?“ „Du hast Erfahrungen im Kellnern und im Backen – im Kuchen backen etwa?“ „Wie geil!“

Doch …

Wenn die Frage nach den kindlichen Berufswünschen aufkommt, nehm ich immer schnell Reißaus, muss dringend auf die Toilette, zünde mir eine Zigarette an oder wende mich einfach demonstrativ einem anderen Gespräch zu. Die ein oder andere Frau habe ich so schon zurückgewiesen, bevor ich sie überhaupt kennen gelernt hatte, und meine Kollegen halten mich ohne Ausnahme für unsozial und schwierig. Aber das war nicht zu vermeiden gewesen.

Das liegt nicht daran, dass ich total peinliche Berufswünsche gehabt hätte. Ich wollte nicht Prinzessin werden oder eine Talkshow moderieren oder Ken heiraten. Ich hatte schon einen tatsächlich existierenden Beruf vor Augen, der von vielen Menschen geschätzt wird, besonders schätzen viele Menschen, jemanden dieses Berufstandes zu kennen. Auch wenn niemand sich wünscht, dass seine eigenen Kinder solche Ideen ernsthaft in Erwägung ziehen.

Aber …

Aussprechen möchte ich es doch nicht. Es ist so naiv, so verträumt, und es klingt so erfunden. Niemand glaubt mir, dass ich diesen Berufswunsch wirklich schon mit acht Jahren hatte, auch wenn meine Mutter gerne sagt, dass sich erste Hinweise sogar schon früher gezeigt hätten.

„Was wolltest du früher immer werden?“ Andere Menschen können da so lustige Dinge wie „Feuerwehrmann“ (als Frau) oder „Fernfahrer“ (ohne Führerschein) oder „Weltherrscher“ sagen. Aber ich?

„Schriftsteller.“

„Nein, im Ernst jetzt.“

„Ja, im Ernst. Ich wollte immer Schriftsteller werden.“

„Das willst du jetzt vielleicht. Aber ich meine als Kind.“

„Ich wollte immer Schriftsteller werden, seit ich weiß, dass es diesen Beruf gibt. So mit sieben oder acht etwa, denke ich. Alles, was ich sonst gearbeitet und gelernt habe, war nur zum Geldverdienen, weil mir immer alle Erwachsenen gesagt haben, dass Schriftsteller kein Beruf sei.“

Und damit ist die lustige Partystimmung in der Regel dahin. Es klingt zu ernst, zu weise und zu zukunftsweisend. Gleichzeitig zu romantisch und zu deprimierend, weil die anderen zum ersten Mal mit dem konfrontiert sind, was man wohl Berufung nennt, sich schlecht fühlen, weil sie solch eine Leidenschaft nie gekannt haben und nur einen „ganz normalen“ Beruf angestrebt, und sich vor lauter Neid heimlich darüber freuen, dass es mir nie wirklich gelungen ist, diesen Traum umzusetzen.

Und irgendwie bin ich ja auch Schriftstellerin geworden. Ich schreibe. Ich verdiene damit zwar kein Geld, aber ich schreibe. Und ich werde weiter schreiben und mir meine Zeit nicht vollständig von einem „normalen“ Beruf rauben lassen.

Alte Liebe rostet eben doch nicht und wenn sie noch so vielen Schwierigkeiten ausgesetzt ist.

Vielen Dank für die Blumen

„Nach reiflicher Überlegung muss ich Ihnen leider mitteilen, dass wir unser Arbeitsverhältnis auflösen müssen.“ Das klingt ja auch so viel netter als Kündigung. „Die Probezeit ist ja auch dafür da, dass wir von beiden Seiten gucken, ob es passt, und ich hatte da schon länger ein schlechtes Gefühl. Sie müssen sich auch einfach selber schützen.“

Ich weiß zwar nicht so genau, wovon sie redet, aber ich nicke ergeben. Ich habe auch viel zu viel damit zu tun, die Tränen zurückzuhalten, um zu antworten.

„Sie haben so viele Qualifikationen, Sie können so viel Tolles machen, aber halt nicht hier. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall alles Gute.“

Danke für die Blumen. Ich habe doch eigentlich ganz gern hier gearbeitet. Schade.

„Sie sind schließlich auch wichtig.“ Das höre ich in letzter Zeit häufiger. Schade nur, dass dem Amt das ziemlich egal ist. Aber was solls.

Nach knapp dreieinhalb Monaten sozialversicherungspflichtiger Arbeit bin ich also wieder draußen, auf der Straße, wo ich hingehöre. Bei den Steinen, die mir ihre Geschichte so viel bereitwilliger anvertrauen als die Menschen. Obwohl ich es doch immer nur gut gemeint habe. Vielleicht habe ich einfach eine seltsame Art, das zu zeigen.

Bin ich also wieder da, wo ich angefangen hatte. Bei einem Leben, das mir einfach nicht sagt, was ich damit anfangen soll. Schreiben. Einfach nur Schreiben.

Wenn das nur so einfach wäre.

Wenn ich die Wahl hätte, zu tun, was mich glücklich macht, würde ich nur noch lesen, schreiben, meine Sozialkontakte auf die paar Leute einschränken, die mich wirklich verstehen. Aber wer hat schon die Wahl. Was also tun? Was tun?

Manchmal muss man eine Menge Sackgassen erkunden, um den richtigen Weg zu finden. Ich frage mich nur, wieviele Wege mir noch zu erkunden bleiben. Bis nur noch dieser eine Trampelpfad über Treibsand bleibt, den zu gehen ich nicht wage. Auch wenn es der einzige Weg ist, an dem Blumen wachsen. Der einzige Weg, auf dem Gedanken geschätzt werden, ganz egal, wie abwegig und unpassend sie zunächst scheinen mögen.

Warum gibt es eigentlich keine Mäzene mehr? Einfach irgendwen, der meine Miete und meine Krankenversicherung zahlt, mehr brauche ich doch gar nicht.

Schade. Ich habe gerne hier gearbeitet. Macht es gut. Ich werde euer Chaos vermissen.

Jona oder die Künstlerin auf dem Arbeitsmarkt

Oder, noch treffender, ein weiteres Romanprojekt, das niemals fertig wurde.

 

Kennst du das, wenn Notwendigkeiten dir die Träume töten? Nicht, dass ich jemals von Literaturpreisen geträumt hätte. Doch heute träume ich, dass ich es nicht schaffe, aufzuwachen. Dass Alpträume so quälend sein können, gerade weil in ihnen nichts passiert …

Kennst du das, wenn Notwendigkeiten dir die Luft zum Atmen nehmen? Ein Strick gedreht aus Arbeitsstunden, Verantwortlichkeiten, Rechnungen, die zu bezahlen sind. Und nicht, dass meine Arbeit mir keinen Spaß machen würde. Doch sie lässt mir nicht mehr viel Raum für anderes.

6:30 Aufstehen. Duschen. Frühstücken.

7:32 Straßenbahn. Den ersten Kaffee gibt’s auf Arbeit.

8:00 Beginn des ersten Unterrichtsblocks. Schüler, die gegen ihren Willen hier sind, aber volljährig, nicht mehr herumkommandierbar, als wenn ich jemals auf die Idee käme, jemandem seinen Weg vorschreiben zu wollen. Auch wenn ich fest davon überzeugt bin, dass es für ihn besser wäre.

15:00 Ende des letzten Unterrichtsblocks, die 60 Minuten zwischen den Blöcken für Kopien, Klassenbucheinträge, ja, auch einen Bissen vom Apfel draufgegangen. Pause? My ass… Sachen zusammen packen, noch ein Kollegengespräch, was mache ich eigentlich morgen?

16:00 Mittagessen. Vielleicht noch was einkaufen. Geschirrspülen. Schatz, wie war dein Tag?

17:00 Yoga mit YouTube.

17:30 Fix und fertig. Noch mal kurz den Computer anschalten? Ich habe so lange nichts geschrieben. Oder doch gleich vor den Fernseher?

20:00 Vorm Fernseher eingedöst.

3:00 Im nassgeschwitzten Bett hin und her werfen. Ich kann nicht schlafen. Irgendetwas wichtiges habe ich heute vergessen, aber ich komm nicht drauf.

6:30 Aufstehen. Duschen. Frühstücken.

Und nur, damit wir uns nicht falsch verstehen: All dies mache ich gerne. Aber

Kennst du das, wenn du eigentlich ganz was anderes willst, du hast nur vergessen, was? Ich bin eine Bibliothek nie geschriebener Bücher und sie ist gut sortiert, queere Liebesgeschichten, Fantasy, Thriller. Ich bin eine Bibliothek nie geschriebener Bücher und ich habe Angst, sie alle zu vergessen.