Das Fürchten lernen – aber richtig

Sicherheit ist eine Illusion. Nichts lässt sich auf ewig festhalten. Diese Jahrtausende alte Weisheit scheinen wir in letzter Zeit vergessen zu haben.

Im sogenannten „Kampf gegen den Terrorismus“ zeigt sich immer wieder deutlich, dass wir mit unseren ureigensten Ängsten, der Angst vor dem Anderen, dem Fremden, dem potentiell Gefährlichen nicht gut umgehen können. Wir verwandeln sie lieber in Wut, die wir gegen jeden, egal ob gefährlich oder nicht, richten. Es gleicht dem Kleinkind, das – zum ersten Mal allein in der Krippe – um sich schlägt, anstatt in den fremden Kindern mögliche Freunde zu sehen.

Dabei verstärkt dieses Verhalten die Gefahr gerade noch. Trumps versuchter Einreisebann gegen alle Muslime spielt der IS gerade in die Tasche, wenn sie sich als Rächerin der Unterdrückten ausgibt. Und ein Terroranschlag auf amerikanischem Boden, der, seien wir mal realistisch, kommen wird, spielt wieder Trump einen Joker zu.

Mit der IS und Donalt Trump haben wir zwei große Mächte, denen das Siegen wichtiger ist als das eigene Leben. Oder gar das Leben so unwichtiger Menschen wie der Zivilbevölkerung. Die IS erwartet nach dem Tod das Paradies, Trump – vermutlich – ein glück- und schmerzloses Nichts, das kein großer Preis dafür ist, sich vorher im Spielzeugladen der Welt noch mal richtig ausgetobt zu haben. Die Großen sterben doch ohnehin immer erst am Schluss, kein Mächtiger würde heute noch seiner Streitmacht vorausreiten, und das Schlachtfeld ist schon lange die ganze Erde. Man kann sich nicht verstecken.

Das ist bedrohlich, ich weiß. Sich aus den großen Streitereien rauszuhalten, sichert niemandem das Überleben. Aber müssen wir uns deshalb gleich mitprügeln?

Wenn man wie Trump seine Macht genießt, die immer nur aus der Ohnmacht anderer entsteht, vielleicht. Aber ich weigere mich zu glauben, dass es allen AfD-Wählern, Asylfeinden und Stammtischpolitikern so geht. Wie also sich verhalten, wenn man einfach Angst hat vor der immer kleiner werdenden Welt?

Zunächst ein paar einfache logische Schlussfolgerungen, die in der Angst viel zu leicht untergehen:

1. Keine Flüchtlinge aufzunehmen schützt uns nicht vor Anschlägen. Terroristen haben schon einmal ein Flugzeug entführt und als Waffe benutzt. Sie werden immer einen Weg finden. Und es wird den IS auch nicht freundlicher stimmen, wenn wir vor ihnen Geflüchtete abweisen, wie das Beispiel der USA zeigt. Die IS (er-)findet Gründe für ihre Taten, ganz egal, was wir tun.

2. Gewalt erschafft Gegengewalt. Wie wir alle im Streit mit Geschwistern oder Nachbarskindern gelernt haben, endet Streit nur selten damit, dass der eine den anderen überzeugt. Vielleicht beugt er sich der schieren Übermacht, der Gewalt des anderen, aber er wird fortan ewig auf eine Möglichkeit zu Rache sinnen. Auch wenn wir viel darauf geben, nicht nachtragend zu sein, sagen wir doch auch immer wieder „Du hast doch auch letzte Woche …“ und halten das für ein Argument. Kein Streit, der durch Gewalt oder momentare Erschöpfung endet, ist wirklich beigelegt. Er wird immer wieder aufgewärmt, auf neues Brot geschmiert, von Generation zu Generation. Wir können Streit nur beilegen, wenn wir akzeptieren, dass wir uneinig sind, wenn wir anerkennen, dass wir verschieden sind und uns trotzdem eine Erde teilen.

3. Niemand lebt ewig. Das ist uns allen klar. Ob nun durch einen Autounfall, einen Herzinfarkt oder einen Terroranschlag, wir alle werden irgendwann sterben. Warum nur haben wir vor einem Terroranschlag so viel mehr Angst? Offensichtlich ist, dass sich hier viel leichter ein Täter identifizieren lässt. Auch hat er das Töten beabsichtigt, anstatt es „nur“ in Kauf zu nehmen wie ein rücksichtsloser Fahrer. Und vielleicht macht es daher mehr Sinn, jemanden nachträglich anzuklagen, doch vorbeugen lässt sich ihm kaum, anders als vielleicht dem Herzinfarkt, der ja doch zu einem großen Teil von unserem Lebenswandel abhängt.

Ist das das eigentliche Problem? Dass wir wissen, dass wir den Terrorismus niemals kontrollieren können werden? Vor einem Herzinfarkt können wir uns – in einem gewissen Rahmen – durch gesunde Ernährung und Bewegung schützen, vor dem Verkehrsunfall durch eine vorsichtige Fahrweise. Vor der Gefahr, die in jedem anderen Menschen liegt (statistisch gesehen im geliebten Anderen sogar mehr als im fremden) kaum. Na klar macht das Angst. Wenn wir doch aber wissen, dass alle unsere Versicherungen und Kontrollen uns nicht schützen und alle unsere Gewalt das Problem nur größer macht, warum hören wir nicht einfach auf?

Auch ich fürchte mich. Und ich sehe die Furcht bei anderen. Also reiche ich ihnen die Hand, gemeinsam lässt sich Furcht viel besser ertragen.

Advertisements

Verpasste Geschichten

Seit Wochen treffe ich jeden Vormittag auf dem Weg vom Bahnhof zur Arbeit diesen Schwarzen. Zu Anfang hab ich ihn nur genau angesehen, weil mein Gehirn – nicht an dunkle Gesichter gewöhnt – in jedem Maximalpigmentierten einen unserer Jungs gesehen hat.

Das hat er wohl gemerkt. Irgendwann hat er angefangen, mich zu grüßen, ganz schüchtern, die Hand nicht über Hüftniveau gehoben.

Mittlerweile vermisse ich ihn, wenn er sich mal ein wenig verspätet.

Aber wer ist dieser Mann, dessen Gesicht mir schon so vertraut ist, ohne dass ich jemals mit ihm gesprochen hätte?

Ist er einer dieser sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, die hierher gekommen sind, um fleißig die Arbeit zu verrichten, die die meisten Deutschen ohnehin nicht machen wollen, und sich trotzdem anhören müssen, sie würden uns die Arbeit wegnehmen? Und natürlich schimpfen unsere Arbeitslosen mit geringem sozialen Status und wenig Ausbildung über ihn, weil er ihnen zeigt, dass eine miese Herkunft keine Entschuldigung ist, nichts mehr zu versuchen.

Grüßt er deshalb nur verhalten mit der erhobenen Hand, weil er unsere Sprache nicht beherrscht?

Oder ist er einer der Gesichtsausländer, vielleicht der Sohn eines afroamerikanischen Soldaten, in Deutschland geboren, der mit seinem deutschen Pass und den perfekten Sprachkenntnissen die Farbe seiner Haut nicht ausradieren kann? Spricht er vielleicht gerade deshalb nicht, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass unsere deutschen Gehirne eine dunkle Hautfarbe mit einem sächsischen Dialekt nicht zusammenbringen können?

Schämt er sich seiner Hautfarbe? Seine Augen lachen immer, wenn wir uns sehen, und dennoch hebt er die Hand nicht über die Hüfte.

Was für Geschichten könnte er wohl erzählen, wenn wir mehr Zeit zusammen hätten als diese dreißig Sekunden vormittags auf dem Lehrter Bahnhofsgelände? Geschichten von einer Kindheit in Afrika, Hitze und Armut und Kindersoldaten? Oder von einer Schulzeit in Deutschland, als einziger Schwarzer der Klasse, gleichzeitig Faszination und Abscheu hervorrufend, immer der Buhmann?

Welchen von meinen Geschichten würde er voller Interesse zuhören? Welche Fragen könnte er mir beantworten? Welche Meinung hätte er zu meinen ach so wichtigen Problemen?

Und warum nur schwätzen wir mit Fremden über Fußballergebnise und das Wetter, anstatt uns gegenseitig ein Stück unseres Lebens zu schenken?

Ich glaub, nächste Woche schwänzen wir mal unsere jeweiligen Termine, und ich lade meinen Schwarzen auf einen Kaffee ein. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Dichterseele

Wieder gegen eine Wand gelaufen
Haare zu raufen
Geflucht
Die Welt verflucht
Und sie hat geweint
Gott, hat sie geweint
Und schließlich
Die Tränen getrocknet
Weiter gerannt
Direkt gegen die nächste Wand
Und wieder die Worte
Wütend und laut
Doch die Welt hat eine dicke Haut
Sie kratzt und beißt
Nicht ein Stück reißt
Und kraftlos geschaut
Wie es weiter geht
Wie es weiter gehen muss!
Auf Stacheldraht
Gebete zum Himmel geschickt
Ungehört
Und ungestört
Gott ist grad nicht da
Und um ein Haar
Doch mal liegen geblieben
Und sie hat geweint
Gott, wie hat sie geweint
Jeden Sinn geleugnet
Und nur gelebt
Wie sie Spinne webt
Ohne das große Ganze zu kennen
Einfach weiter rennen
Die nächste Wand kommt bestimmt
Die Welt ist voller Wände
Die Welt ist voller Hände
Keine dabei, die den Stift ihr gibt
Die sagt, komm schreib
Komm schon, bitte bleib
Bitte schreib ein Gedicht
Und vergesse nur nicht
Du musst dich nicht verschanzen
Denn hier kann deine Trauer tanzen

 

Ramadan light

Der muslimische Fastenmonat hat begonnen. Ich arbeite zur Zeit in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Ausländer, die zwar aus vielen verschiedenen Ländern kommen, aber alle Muslims sind. Und einige von ihnen fasten.

Und ich bin einfach leidenschaftlich neugierig.

Wenn sportfanatische männliche Teenager es schaffen, von Sonnenauf- bis -untergang weder zu essen noch zu trinken, sich an den deutschen Schulrhythmus zu halten und zwischendurch auch noch Schlaf zu finden, dann werde doch wohl ich es schaffen, zumindest während der Arbeit zu fasten. Dachte ich.

Man merkt es ihnen an, dass es nicht einfach ist. Aber wenn sie die Müdigkeit, den Hunger und die Kopfschmerzen in Kauf nehmen, muss das Fasten doch irgendwelche positiven Effekte haben, da steckt doch eine starke Motivation dahinter, die sie kurzzeitig den Ehrgeiz in Schule und Sport vernachlässigen lässt. Eine Motivation, die ich nicht kenne. Aber wie gesagt, ich bin leidenschaftlich neugierig. Vielleicht etwas zu neugierig.

Unsere Jungs fasten achtzehn bis neunzehn Stunden, ich habe mir sieben vorgenommen. Und da es heiß ist (und ich ein kleines bisschen koffeinsüchtig bin) verzichte ich nur auf feste Nahrung, nicht auf Wasser, Saft und Kaffee. Und auch nicht auf die eine Pausenzigarette zwischendurch, denn, mal ehrlich, ich bin hier zum Arbeiten und man muss es ja auch nicht übertreiben.

Im Zug auf dem Weg zur Arbeit habe ich also noch mal ausgiebig gefrühstückt; als die nicht fastenden Jugendlichen sich ihr Mittagessen gemacht haben, habe ich mich im Büro versteckt. Schließlich esse ich immer mit ihnen und Gewohnheiten sind bekanntlich die schlimmsten Feinde aller neuen Vorsätze.

Aber schon um vierzehn Uhr – nach ganzen zweieinhalb Stunden – plagt mich der Hunger. Das ist bestimmt nur die Psyche! Ich beiße einmal von meiner Möhre ab, das zählt ja wohl kaum als essen, kaue ganz langsam und trinke einen Liter Wasser. Ein bisschen besser. Ich stürze mich schnell wieder in die Arbeit.

Zu viert sitzen wir im Wohnzimmer und machen Hausaufgaben. X, der fastet, Y und Z, die nicht fasten, und ich. Y macht eine Dose gesalzener Erdnüsse auf, und weil er höflich ist wie alle Muslime, die ich kenne, bietet er mir welche an.

Ah, essen! Wie lange habe ich nichts mehr gegessen? Vielleicht vier Stunden, unglaublich viel! Außerdem wäre es doch unhöflich, keine anzunehmen, nicht wahr? Ich esse wohl ein paar mehr, als die Höflichkeit gebietet, aber was sind schon ein paar Erdnüsse.

Und der Rest der Mohrrübe, sonst würde ich meine siebzehn-Uhr-Zigarette nicht vertragen. Ich darf ja nicht bei der Arbeit ohnmächtig werden, nur weil ich neugierig auf eine andere Kultur bin.

X hat die Ernüsse übrigens keines Blickes gewürdigt. Und er fastet schon ein paar Tage …

Und als es draußen gerade aufklart und zum späten Nachmittag nochmal richtig heiß wird, geht er zum Training. Wenn ich so lange nichts gegessen und getrunken hätte wie er, würde ich wohl umfallen. Obwohl – ich habe Hunger, aber es geht mir nicht wirklich schlecht.

Ich habe Kaffee in den Adern, das hält den Kreislauf wohl aufrecht.

Noch eine Stunde.

Und im Zug wird dann ein großes Fastenbrechen gefeiert.

Schwuler Glaube

Eine Doku über einen schwulen Imam gesehen und gedacht, wie glücklich wir uns doch eigentlich schätzen könnten, müssten. Natürlich ist noch ein weiter Weg zu gehen, doch so viel haben wir auch schon erreicht, im Vergleich zu diesen Ländern, in denen man einen Schwulen aus dem Fenster wirft oder anzündet und ungestraft davon kommt.

So viele homosexuelle muslimische Flüchtlinge haben mit ihrem Glauben gebrochen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass sich jemals etwas ändert. Doch schauen wir uns nur in unserem eigenen Vorgarten um, wie steht es denn hier mit der Religion? Der Grund, dass wir hier so weit verbreitete Rechte haben, oberflächlich betrachtet gar die gleichen wie Heterosexuelle, liegt nicht in einer Wandlung des Christentums, sondern in einer nach außen hin vorgehaltenen Säkularität des Staates. Und auch wenn immer mehr christliche Glaubensgemeinschaften sich öffnen, darf unsere geehrte Frau Bundeskanzlerin auf das C im Namen ihrer Partei verweisen, um Gesetze abzulehnen. Gibt es bei den Debatten gegen die Öffnung der Ehe überhaupt irgendein Argument, das nicht vermeintlich christlichen Ursprungs ist?

So viel zum säkularen, rationalen Staat.

Also liebe homosexuelle muslimische MitbürgerInnen: Gebt eurem Glauben noch ein paar Jahr(hundert)e. Das Christentum ist auch noch lange nicht angekommen.

Es ist nicht die Religion an sich. Auch wenn es mir als durch und durch rationalem Menschen generell schwer fällt, an ein so widersprüchliches Konzept wie Gott (im christlichen, anthropomorphen Sinne) zu glauben, hat doch Religion sehr viel, was für sie spricht. Es sind immer die Menschen, die aus geschriebenen, überlieferten Worten Handlungsanweisungen machen, ob zu Liebe oder zu Hass.

Gott ist Liebe. Und wenn man dies über jede Religion schreibt, kann sie niemals homophob werden.

Und auch wenn ihr die Religion hinter euch lasst, bleibt immer noch viel Raum für Xenophobie. Nicht die Religion ist das Problem, sondern die Neigung, einmal gehörte Einzelsätze zu ewigen Wahrheiten zu erklären, sich an ihnen festzuhalten und sie auf alle neuen Situationen anzuwenden. Das ist ja auch schön einfach. Man braucht nicht weiter zu denken, wenn man einmal entdeckt hat, was immer wahr ist. Doch die Welt ist zu komplex für Allaussagen. Und kein Weiser wird jemals genug gesehen und erlebt haben, um für jede Situation eine Wahrheit zu haben.

Also hört auf euer Gefühl. Hört auf euren Verstand. Bildet euch eine eigene Meinung. Wenn ihr beten wollt, dann tut es, ob in der Kirche, der Moschee oder eurem Wohnzimmer, ich mache Yoga und auch das ist ein Gebet: ein Weg zu mir, zu Ruhe und zu Dankbarkeit. Wer dankbar ist, kann nicht hassen. Und wenn ihr hasst, dann schluckt den Hass nicht herunter, schreit ihn in den Wald oder schlagt ihn in einen Sandsack, bei dem, was jeder von uns erlebt hat, ist er nur allzu verständlich. Aber nur weil ihr Gruppen hasst, müsst ihr nicht die Individuen hassen. Jeder hat einen Grund für den Weg, den er geht, selbst zu Intoleranz und Gewalt. Folgt ihm nicht, indem ihr selber gewalttätig werdet.

Glaubt, ob nun an Gott (in einem seiner vielen Namen), die Menschen oder die Liebe. Glaubt an euch selbst. Und sperrt eure Ohren auf, wenn jemand euch seine Geschichte erzählt. Sie kann euren Glauben nicht umwerfen, nur erweitern.

Was ist zu Hause?

So reißt es also wieder ein, so viel zu jeden Tag … aber ohne mich bei wem auch immer zu entschuldigen, falls irgendjemandem der fehlende Text überhaupt aufgefallen ist, mache ich mich schnell wieder ans Werk.

Eine weitere ziehende Mutter gibt uns Meryl Streep in Kramer vs. Kramer. Sie verlässt ihren Karrieremann und den kleinen Sohn, weil sie sich nicht ausgefüllt fühlt, nicht die Frau ist, die sie sein möchte. Der Ehemann, Ted, nimmt die neue Rolle als alleinerziehender Vater trotz zahlreicher Schwierigkeiten erstaunlich gut an, trotz Streitigkeiten mit dem Fünfjährigen, der seine Mutter vermisst und den Vater bei der Arbeit stört, wird die Beziehung von Vater und Sohn immer enger.

Nach anderthalb Jahren, in denen sie nur hin und wieder Postkarten geschrieben hat, kehrt Joanna schließlich zurück, als der Alltag des Männerhaushalts sich endlich eingespielt hat. Nach erfolgreicher Psychotherapie geht es ihr bedeutend besser, sie habe gelernt, dass sie eine gute Mutter sein könne, und verlangt das Sorgerecht für ihren Sohn zurück. Das – sowie eine Kündigung Teds, weil er zu viel Zeit mit seinem Sohn verbracht hat – bringt das kleine, heile System von Vater und Sohn durcheinander. Vor Gericht streiten die Eltern erbittert um das Sorgerecht. Joanna weist nach, dass sie eine gute Mutter sein könnte, ob Ted ein guter Vater ist, interessiert weniger, denn er ist nunmal – „nur“ der Vater. Wie zu der Zeit und in der Situation eigentlich zu erwarten, gewinnt Joanna. Für Vater und Sohn bricht eine Welt zusammen, trotzdem gibt Ted sein Bestes, es für seinen Sohn nicht noch schwieriger zu machen, verzichtet auf eine Berufung, um den Jungen nicht vor Gericht befragen lassen zu müssen, und versucht, das Ansehen seiner Mutter bei Billy zu steigern.

Und dann kommt er, der Tag, an dem Joanna Billy abholen soll. Sie trifft sich mit Ted im Foyer des Mietshauses und gesteht ihm unter Tränen, dass sie vor Gericht gezogen sei, um ihren Sohn nach Hause zu holen, und erst jetzt gemerkt habe, dass er bereits zu Hause sei. Sie verzichtet auf das zugestandene Sorgerecht.

Der Film von 1979 gibt damit eine interessante Ansicht auf das Familienleben. Wenn beide Eltern ihre Rolle gleichermaßen gut erfüllen, nur nicht mehr zusammen leben können, warum sollte dann das Kind gerade bei der Mutter leben? Wenn Männer und Frauen wirklich gleichberechtigt sind, dürfen Frauen auch nicht in einzelnen Gebieten, wie z.B. der Familie, bevorzugt behandelt werden. Gerade der Rückzug Teds, um Billy nicht in den Zeugenstand rufen zu müssen, zeigt, dass er ein sehr guter Vater ist. Aus heutiger Sicht, mit alleinerziehenden Vätern oder zwischen den Elternteilen hin und her pendelnden Kindern, mag die Frage nicht mehr so wichtig erscheinen, doch gerade wenn wir uns die Wahrnehmung von Regenbogenfamilien ansehen, scheinen Elternteile doch noch allein auf Grund ihres Geschlechts als mehr oder weniger geeignet für die Erziehung betrachtet zu werden („Ein Kind braucht doch seine Mutter!“ oder „Ein Kind braucht doch ein männliches Rollenmodell!“ als Kritiken an Homo-Eltern zeigt, dass der Glaube, allein das biologische Geschlecht qualifiziere jemanden für bestimmte Aufgaben, immer noch sehr stark ist.)

Für ihre Rolle als Joanna hat Meryl Streep ihren ersten Oscar bekommen, wer jedoch von dieser Rolle die gewohnt starken Gefühle der späteren Meryl erwartet, wird enttäuscht. Joanna ist eine stille Rolle, die Gefühle werden unter der Fassade einer zunächst depressiven und später zweckmäßig gefassten Frau verborgen. Diese unterdrückten Gefühle mögen zwar weniger aufdringlich-offensichtlich sein als die laute Wut einer Ricky, doch sie sind immer drückend greifbar und vermutlich sehr viel schwerer zu spielen. Der Oscar ist also völlig verdient, auch wenn die Aufrechterhaltung der Fassade die Atmosphäre des Filmes manchmal in eine langatmige Kühle abgleiten lässt. Und dann kommen sie doch wieder, die starken Gefühle, und brechen sich unerwartet Bahn, denn sie liebt ihren Sohn, auch wenn sie ihn für etwa achtzehn Monate verlassen hat.

Und sie liebt auch Ted, obwohl sie an seiner Seite nicht glücklich war. Man spürt ihre Zerrissenheit, auch wenn sie sich bemüht, vor Gericht die Fassung zu wahren, auch wenn sie den Zuschauer nicht zerreißt.

Dafür sind die Gefühle doch zu dezent, dafür ist der heutige Fernsehzuschauer vielleicht zu abgestumpft durch die starken Gefühle, Dramatik und Action neuerer Filme. Die subtilen Zwischentöne zwischen Lachen und Weinen zu sehen ist schwer, das erfordert Konzentration. Und vielleicht auch einen zweiten Durchgang.

Wo die Liebe hinfällt …

Von einer unverstandenen „Hexe“ jenseits der Märchenwelt handelt der nächste, durch puren Zufall erwählte Film: Ricky and the Flash. Der Film, der sehr unterschiedlich aufgenommen wurde, handelt von einer alternden Rockerin, die für ihre Musik ihre Familie verlassen hat und nun wieder zurückkommt, um ihrer Tochter durch eine Scheidung zu helfen. Aber sie ist nicht wirklich willkommen. Ihre Söhne hassen sie, die zweite Frau ihres Exmannes behandelt sie von oben herab und die Tochter schwankt zwischen Wut und Sehnsucht und lässt ihren Gefühlen völlig ungehemmt freien Lauf. Dabei wollte Ricky doch nur das Beste für alle: Und das sah sie nuneinmal darin, die Familie zu verlassen, weil sie die Musik nicht lassen konnte.

Die Kritiken stören sich an dem klischeehaften Drehbuch, schließlich sei uns doch allen klar, dass Rockband und Familie nicht zu vereinbaren seien. Besonders jedoch an diesem Film ist, dass die Mutter die Rockerin ist. Wie Ricky auf einem Konzert ihrem erstaunten Publikum entgegenpöbelt, dürfen Männer die Familie verlassen, um mit ihrer Musik Karriere zu machen, und werden weiterhin bewundert. Frauen dagegen sind sogleich ein Monster. Und sie darf es noch nicht einmal kritisieren, weil es die Stimmung versaut, ihre Band würgt ihren Ausbruch so schnell wie möglich ab.

Und ja, sie hat keine Karriere gemacht. Aber sicher nicht, weil sie die Musik nicht genügend geliebt hat. Um bekannt und reich zu werden, gehört sehr viel mehr dazu als nur Talent und Hingabe, man braucht Glück dafür, und das haben vielleicht nur, aber doch nicht alle Tüchtigen. Und wer von ihr verlangt, die Musik aufzugeben, weil sie doch zum Leben nicht reicht und Ricky nebenbei Schichten an der Supermarktkasse schieben muss, hat nicht verstanden, was eine Leidenschaft ausmacht.

Gerade dies war das Problem ihrer Ehe, nicht die Musik an sich. Viele Menschen können vielleicht ihren Beruf aufgeben oder einschränken, um die Familie an die erste Stelle in ihrem Leben zu setzen, doch eine Leidenschaft wie Rickys lässt sich nicht abschalten und der Versuch, sie zu unterdrücken, und sei es nur auf Zeit, wird immer zur Eskalation führen. Leidenschaft lässt sich sehr wohl mit Ehe und Familie vereinbaren, hoffe ich jedenfalls, aber nicht mit einem Partner, der keinerlei Verständnis dafür aufbringt. Und dann ist es egal, ob es der Mann oder die Frau ist, der bzw. die mit Leidenschaft bei der Arbeit oder einer (wenig einträglichen) Kunst ist, der andere muss nuneimal seinen Part in der Familie zu übernehmen bereit sein.

Rickys Mann war es nicht. Als sie wieder unter seinem Dach lebt, um für die gemeinsame Tochter da zu sein, scheinen die alten Gefühle zumindest teilweise zurückzukommen, doch kaum ist Ehefrau Nummer 2 von dem Besuch bei ihrer kranken Mutter zurück, zeigen sich die Unterschiede. Vielleicht fand er Ricky spannend, mit ihr kann man viel Spaß haben und verrückt sein, aber im Endeffekt wollte er dann doch eine Frau, die ihn umsorgt.

Wenn Ricky ein Mann wäre, hätten die Abende auf Konzerten auch zu Problemen führen können, aber niemand hätte von ihr/ihm erwartet, dass sie/er Wäsche waschen kann und morgens Frühstück macht. Niemand hätte zu verlangen gewagt, dass mit der Musik Schluss ist, wenn die Kinder da sind.

Und natürlich hat auch Ricky ihre eigenen, unverarbeiteten Traumata und Bindungsschwierigkeiten. Natürlich ist sie nicht unschuldig. Aber es läuft immer wieder auf den Vorwurf hinaus, dass sie als Mutter die Musik mehr geliebt hat als ihre Kinder – und dann auch noch keinen Erfolg darin hatte.

Am Ende spielt Ricky mit der Band auf der Hochzeit ihres Sohnes, zu der sie auf den letzten Drücker doch noch eingeladen wird, und ihre Kinder scheinen überrascht zu sein, dass sie gut ist. Dass Meryl Streep unheimlich gut singen kann, haben wir schon gewusst, und auch die Rockmusik gibt sie brilliant wieder, ihre tiefe, gefühlsschwere Stimme lässt mich fast bedauern, dass sie eine so gute Schauspielerin ist. Sonst hätte sie vielleicht mehr Musik gemacht. Aber Rickys Kinder scheinen nicht zu wissen, dass ihre Mutter gut ist, auch wenn sie keinen großen Erfolg hat.

Als Ricky die Familie verlassen hat, waren die Kinder vielleicht noch zu klein, um auf Rockkonzerte zu gehen. Aber hat sie wirklich nie für die Kinder gesungen? Oder war ihr Vater so verletzt nach der Trennung, so eifersüchtig auf die Musik, dass er den Kindern das Interesse am Wirken ihrer Mutter vollkommen ausgeredet hat? Haben die Kinder während der Pubertät wirklich nie versucht, gegen den Vater zu rebellieren, indem sie ein Konzert der verpönten Mutter besuchen?

Was in anderen Scheidungsfamilien vielleicht unplausibel wäre, macht hier durchaus Sinn: Von allen Beteiligten wird die Liebe zur Musik immer mit der Liebe zu den Kindern verglichen, wobei die Kinder am Ende verlieren. Kein Wunder, dass sie sich für die Musik nicht interessieren. Dabei muss hier gar keine Konkurrenz bestehen. Dass Ricky die Musik nicht aufgeben konnte, muss doch nicht heißen, dass sie die Kinder nicht (genug) liebt, sie liebt nur die Musik zu sehr. Und die Kinder zu verlassen ist nur folgerichtig. Sie liebt ihre Kinder, bekommt aber immer wieder gesagt, dass sie keine gute Mutter sei. Also verlässt sie die Familie, um Platz für eine neue, bessere Mutter zu machen.

Vielleicht ist das zu idealistisch gedacht, schließlich erfährt man über die Trennung nur indirekt etwas. Es ist einfach schwer, mir Meryl Streep in einer unsympathischen Rolle vorzustellen. Doch ihr Verhalten gegenüber den erwachsenen Kindern legt meine Deutung durchaus nahe.

Und so würde ich mich verhalten, wenn ich Kinder hätte und einen Partner, der in Konkurrenz mit der Literatur steht. Wenn ein Mensch mich zwingen würde, zwischen der Literatur und ihm zu wählen, würde ich mich immer für die Literatur entscheiden, ganz egal, ob ich Erfolg habe oder nicht. Denn ich kann mich einfach nicht gegen das Schreiben entscheiden, so wie Ricky sich nicht gegen die Musik entscheiden konnte. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich niemanden lieben könnte oder keine Familie haben, denn zu einer Familie gehören schließlich immer mehr.

Rockmusik ist (wie jeder andere leidenschaftliche Beruf auch) mit Familie vereinbar, nur nicht, wenn der Ehemann erwartet, dass im Grunde jede Mutter eine alleinerziehende Mutter ist, die keine eigenen Bedürfnisse mehr hat. Aber dann ist es auch schon egal, ob die Mutter Rockmusikerin ist, leidenschaftliche Gärtnerin oder sich aufopferungsvoll kümmernde Tochter – dann wird die Familie eh nicht funktionieren.

Und es gibt doch ein richtiges Leben im Falschen

… jedenfalls für manche. Soll heißen: nicht jeder Schauspieler braucht einen guten Film für eine gute Performance.

Doch noch eins vorne weg: Es war natürlich dann doch keine große Kocherei mehr gestern. Ich habe Meryls Twitterseite gestalkt und mich festgelesen. Wie genial ist das denn, dass eine, ‚tschuldigung für die Ausdrucksweise, Göttin wie sie auf Beiträge eines Irgendwers antwortet? Passt doch irgendwie zu dem Julia-Text. Und zeigt, dass sie doch nicht Julia ist, sondern besser. Also gab es nur noch Spagetti-Sojanese, aber das Zwiebelhacken habe ich immerhin von Julia bzw. Meryl gelernt.

Und aus Zeitmangel beschäftige ich mich heute mit dem einzigen Film mit Meryl Streep, den ich mir für diese Aktion kein zweites Mal ansehen mag: Into the woods. Ich habe den Film im Kino gesehen, als er erschien, verzeiht mir also, wenn mein Gedächtnis mich hin und wieder im Stich lässt, für den Notfall gibt es ja Wikipedia und Youtube.

Es geht jedenfalls, kurz gesagt, darum, was mit den Figuren aus Märchen passiert, wenn die Geschichte zu Ende ist, die Prinzen geheiratet und die Riesen besiegt sind und der Alltag wieder einkehrt. Alles in allem eine großartige Idee. Die Umsetzung dagegen …

Der Film springt scheinbar wahllos von einer Geschichte zur anderen, alle singen ohne ersichtlichen Grund und die gelegentlich aufkommende Magie verfliegt genauso schnell wieder. Der Film hetzt viel zu schnell durch viel zu viele Märchen und hat sich einfach zu viel auf einmal vorgenommen.

Es hätte eine großartige Geschichte darüber sein können, dass erfüllte Wünsche nicht immer Erfüllung bringen und Flüche unerwartet weite Kreise ziehen, doch trotz des Versuches, hinter die stereotypen Eigenschaften der klassischen Märchenhelden zu blicken, bleiben sie doch – stereotyp. Selbst der grandiose Johnny Depp als Wolf in menschlicher Gestalt bleibt eine nette Randnotiz, der Spagat zwischen Kitsch und Zynismus gelingt nicht.

Die einzige, die mal wieder hervorragend ist, wer hätte das gedacht: Meryl Streep in ihrer Rolle als böse Hexe, die total missverstanden, einsam und traurig ist, ihre böse Natur kennt und trotzdem eine gute Mutter für Rapunzel sein will, eine wahrlich tragische Heldin, was für Disney eine geniale Neuerung ist, nur leider in einem weniger genialen Rahmen. Als böse Hexe kann Meryl aus dem Vollen schöpfen: die Verzweiflung der Selbsterkenntnis, böse zu sein und geliebt sein zu wollen, gleichermaßen die Freude und das Elend des Böseseins, endlich kommt Gänsehaut auf, wenn sie ihrem Schmerz in Last midnight freien Lauf lässt. „You’re so nice, you’re not good, you’re not bad, you’re just nice“ und genau das ist dieser Film, nett, aber – er hält sein Versprechen nicht. Nur Meryl, was zeigt, dass eine großartige Schauspielerin keinen großartigen Film braucht, um, naja, großartig zu sein.

Und auch wenn Adorno vermutlich nicht begeistert wäre, auf die Kulturindustrie angewendet zu werden: Sie zeigt, dass ein richtiges Leben im Falschen funktioniert, im Film wie im Leben, wenn sie an etwas so absurdem wie Filmpreisverleihungen teilnimmt und mit einer gänsehautmachenden Rede etwas Gutes aus der Feier der Eitelkeit macht. Aber da waren wir ja schon.

Also zum Abschluss: Disney, mach kitschige Märchen, das kannst du. Wir müssen es halt einsehen, nicht jeder kann Meryl sein, nicht jeder kann in jedem Genre zu Hause sein.

Die Liebe zu Fremden

Und damit kommen wir heute zu dem Film, der mich tatsächlich erst auf die Idee dieses Projekts gebracht hat: Julie & Julia von 2009.

Im Film geht es um zwei Frauen, Seelenverwandte, wenn auch getrennt durch Raum und Zeit. Julia (gespielt von Meryl Streep) zieht mit ihrem diplomatisch beschäftigten Ehemann durch Europa und lernt in Paris kochen, um nicht nur Ehefrau zu sein; Julie (Amy Adams) hat mehr als 50 Jahre später den Traum vom Schreiben für eine sichere Tätigkeit in der Verwaltung aufgegeben und lernt – durch ein von Julia geschriebenes Kochbuch – kochen, um darüber einen Blog zu schreiben: 524 Rezepte in einem Jahr. Der Film zeigt die Liebe zum Kochen und die Liebe zum Schreiben, aber auch diese etwas sonderbare, fanatische Liebe, die Julie für eine ihr völlig Fremde, nämlich Julia, empfindet.

Und darin besteht auch der größte Unterschied zwischen beiden Frauen: beide essen, kochen und schreiben gern, beide haben einen Ehemann, der sie bedingungslos unterstützt, aber in Julies Leben, Kochen und Schreiben drängt sich immer wieder dieses Fantasiebild von Julia, das Julie antreibt und zeitweise zum Wahnsinn treibt, dem Julie nacheifert, was immer wieder zu Problemen in Julies Ehe führt. Am Ende zeigt sich, dass die echte Julia von Julies Blog erfahren hat und gar nicht begeistert davon ist – eine ernste Sache für Julie, die sich so mit ihr identifiziert hat.

Dieses Problem zumindest besteht bei mir wohl kaum. Nicht nur, dass es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass Meryl Streep jemals von diesem Blog erfahren wird, bleibt mir noch die Hoffnung, dass sie nicht genügend Deutsch kann, um ihn zu verstehen. Außerdem habe ich vor, mich – anders als Julie – lediglich mit Meryls Arbeit zu beschäftigen, weniger mit ihrem Leben. Ich hasse dieses Verlangen, sich in den Alltag bekannter Menschen drängen zu müssen. Sicher haben sie als öffentlich wirksame Personen eine gewisse Verantwortung, vielleicht sogar die Verpflichtung, etwas von sich preiszugeben, aber dahinter sind sie auch immernoch Menschen wie jeder andere und behalten das Recht, auch etwas zurückzuhalten.

Doch zurück zum Film. Es gibt noch einen weiteren offensichtlichen Unterschied zwischen beiden Frauen: Julia ist eine schillernde Persönlichkeit, in der Lage, alle Menschen sofort für sich einzunehmen, eine Rolle, wie ich sie Meryl Streep sehr viel leichter abkaufe als die gestern beschriebene Hyäne, obwohl – beide Rollen kann Meryl gleichermaßen überzeugend spielen, doch ich hoffe, dass sie eher wie Julia und weniger wie Madeline ist. Julia ist selbstbewusst, sie setzt sich in einer von Männern dominierten Welt durch, als sie in ihrer Schule einen nur von Männern besuchten fortgeschrittenen Kochkurs besucht, anstatt sich mit dem „gelangweilte Hausfrauen“ Kurs zufrieden zu geben, und entwickelt darin soviel Ehrgeiz und Konkurrenzdenken, dass sie ihren Ehemann zu Hause mit einem riesigen Berg gehackter Zwiebeln überrascht. Ihre offenherzige Freude darüber, dass die Übung sich in der nächsten Stunde auszahlt und sie schneller als alle Männer ist, ist wunderbar.

Julie dagegen ist eher das Mädchen von nebenan – sie trifft sich mit Freundinnen, die sie gar nicht mag und die sie von oben herab behandeln, bleibt in einem Job, der sie nicht befriedigt, und fragt sich permanent, wozu sie sich mit ihrem Blog eigentlich solche Mühe gibt, ob irgendjemand ihn überhaupt ließt.

Und auch das passt irgendwie auf mich und Meryl. Jedenfalls das Bild, das ich von Meryl Streep habe, die ich übrigens niemals duzen würde, auch wenn ich hier immer nur den Vornamen verwende. Gottseidank stellt sich diese Frage in der englischen Sprache gar nicht, selbst wenn ich jemals die Ehre bekommen sollte, sie zu treffen, was ich natürlich nicht erwarte, aber ein Mädchen darf ja träumen.

Auch ich frage mich regelmäßig, ob irgendjemand überhaupt meine Worte ließt, jemand, der es nicht muss, weil er bzw. sie mit mir zusammen lebt und ich sie immer wieder danach frage. Auch ich frage mich, ob ich mir überhaupt die Zeit zum Schreiben nehmen sollte, schließlich gibt es schon so viele gute Bücher, warum sollte gerade ich noch etwas dazu beitragen können.

Und jetzt frage ich mich natürlich aus gegebenem Anlass auch, ob es Parallelen zwischen mir und Meryl Streep gibt. Ihre viel zitierte Rede bei der Golden Globe Verleihung hat mich sehr beeindruckt, nicht nur, was sie über die Beziehung von Hollywood und Ausländern gesagt hat oder über Donald Trump, sondern vor allem ihre Worte über die Rolle des Schauspielers, den ‚Act of Empathie‘, in dem Kunst besteht. „Take your broken heart, make it into art“, was sie im Übrigen von Carrie Fisher zitiert hat, dieser Satz in einer von Tränen zitternden Stimme hätte genügt, damit ich sie liebe, wenn ich es nicht vorher schon getan hätte. Genau das ist der Grund, warum ich schreibe, warum ich es immer getan habe und niemals damit aufhören werde – die Welt bricht mir jeden Tag von neuem das Herz und ich muss schreiben, um zu überleben.

Und genau darum hat mich dieser Film zu einer Meryl Streep-Challenge inspiriert. Ich könnte mich schließlich auch, wie Julie, durch ein Kochbuch arbeiten, wenn auch nicht gerade durch Julias, zu viel Fett und totes Tier. Doch wer sollte das alles essen?

Ich könnte mir natürlich wie Julie auch eine Frist setzen, 60 Filme in 30 Tagen, das erscheint doch machbar? Aber ich mache es lieber nicht. Es würde bestimmt dazu führen, dass ich nur noch fernsehe und nicht mehr schreibe, mich ganz bestimmt nicht mit jedem Film so intensiv auseinandersetze, wie ich es vorhabe. Und mal ehrlich, wenn ich für 60 Filme 80 Tage brauchen sollte, habe ich doch auch viel mehr davon, nicht wahr?

Julia ist also sehr viel schillernder als Julie, doch ist sie dadurch glücklicher? Julie zerfleischt sich permanent selbst und geht nur in ihrer Liebe zu Julia wirklich auf, Julia dagegen ist einfach fröhlich und genau darum strahlt sie so, nicht andersherum. Woher kommt nur unser Wunsch, einem bekannten Menschen nachzueifern, unsere Überzeugung, einen Menschen, den wir gar nicht kennen, zu lieben? Wir bilden uns immer ein, die Reichen und Berühmten seien so viel glücklicher als wir und wir wären gerne wie sie, wären wenigstens gerne mit ihnen bekannt – und ich nehme mich da ganz sicher nicht aus. Auch ich stelle mir gerne vor, mich mit Meryl Streep über Filme oder mit Joanne Rowling über Literatur zu unterhalten. Dabei sind sie doch eigentlich auch nur Menschen, keine besseren oder schlechteren Gesprächspartner als der Gegenüber in der Straßenbahn.

Die Julia ihrer Fantasie, der Julie nacheifert, sei viel wichtiger als die echte Julia, die ihren Blog nicht mag, sagt Julies Mann am Ende. Und genau darum geht es wohl. Dass wir bei den bekannten Persönlichkeiten, die wir bewundern, auch wenn wir sie nie getroffen haben, den echten Menschen mit all seinen Schwächen und Eitelkeiten ignorieren können, so einem Ideal nachlaufen, das wir zwar nie erreichen werden, das uns aber auch niemals kritisiert. Es ist einfach mit diesen Idealpersönlichkeiten. Doch können sie uns glücklich machen? Schließlich werden wir niemals so perfekt werden wie sie. Sie werden uns auch niemals auf die Schulter klopfen und unseren fehlgeschlagenen Versuch würdigen.

Vielleicht sind Menschen gern einmal auf diese Weise unglücklich, um ein Ventil zu haben für all die Selbstzweifel und Unsicherheiten, die wir im Alltag nicht zulassen können.

Wie dem auch sei: Ich werde mir jetzt ein paar Sojamedaillons panieren, ich habe Lust zu kochen!

Ewige Jugend

Der März ist Meryl – und damit beginne ich mal wieder eine neue Reihe, auch wenn der März schon ein paar Tage alt ist. Vielleicht ziehe ich damit den März in den April, vielleicht noch weiter, die großartige Meryl Streep hat eben viel zu viele Filme gemacht, um damit nur einen Monat zu füllen.

Und genau darum soll es mir gehen: Ich nehme mir jeden Tag (sofern ich es schaffe) einen Film mit Meryl Streep vor und lasse mich von ihm inspirieren. Dabei ergeben sich, hoffentlich, ganz persönliche Filmkritiken, ohne demjenigen, der den Film noch nicht gesehen hat, zuviel zu verraten, ohne großartig auf Filmtechniken einzugehen, denn davon habe ich keine Ahnung, und mit einer starken Fokussierung auf Meryl Streep, auch wenn sie natürlich totally overated ist. 😉

Und so beginne ich mit einem Film, in dem Meryl zwar eine für sie eher ungewöhnliche Rolle spielt, der aber doch sehr wegweisend für mein ganzes Projekt ist, auch wenn ihr es auf den ersten Blick vielleicht nicht erkennen könnt: Ich rede von Der Tod steht ihr gut von 1992. In dieser verrückten, schwarzen Komödie spielt Meryl eine – für sie ungewöhnlich – unsympathische Rolle als in die Jugend vernarrte, neurotische Schauspielerin, die ihrer seit der Kindheit hassgeliebten engsten Freundin und ärgsten Konkurrentin den Mann stiehlt, einen Schönheitschirurgen, gespielt von Bruce Willis, auch in einer für ihn eher ungewöhnlichen Rolle. Die Freundin, gespielt von Goldie Hawn, kann diesen Verrat auch nach Jahren nicht vergessen und beschließt, sich zu rächen. Doch der Versuch, sie zu töten, schlägt in zweierlei Weisen fehl – einerseits, weil der tollpatschige Bruce seine Frau im Streit eine Treppe herunter stößt, anstatt sie wie geplant auf subtilere Weise loszuwerden, andererseits, weil Meryl schon vor einer Weile ein geheimnisvolles Elixier getrunken hat, dass ihr ewige Jugend verspricht.

Und so beginnt der ganze Film etwas absurd zu werden, wie es der Wunsch nach ewiger Jugend ja auch ist – Meryl, und auch Goldie, die den Trank ebenfalls getrunken hat, kann zwar nicht sterben, ihr Körper kann aber durchaus zerbrechen, und so stolpert sie zunächst mit auf den Rücken verdrehtem Kopf durch ihr riesiges Haus, Goldie erhält einen Bauchschuss, der ein riesiges Loch in ihren Torso reißt, durch den danach SlapStickmäßig Gegenstände und Blicke fliegen. Bruce, der aufgrund langjähriger Alkoholabhängigkeit ohnehin nur noch Schönheitschirurg für reiche Tote ist, wird herangezogen, um die zerstörten Körper wieder herzurichten, aber durch ihre Feindfreundschaft können beide nicht sonderlich auf ihre unsterblichen Körper aufpassen und sie sind von Schönheitsreparaturen abhängiger als je zuvor.

Dabei wird der Schönheitswahn dieser Hollywoodkultur im ganzen Film nicht wirklich hinterfragt. Er wird als gegeben angenommen, dem alle Frauen hinterherrennen müssen, um mithalten zu können, und gerade dadurch stößt er dem Zuschauer noch stärker auf – er fragt sich, warum hören sie nicht einfach auf damit? Warum machen sie sich diesen Stress?

Jedenfalls fragte ich mich dies. Ich persönlich finde Meryl Streep auch heute noch wunderschön, gerade mit den Zeichen des Alters. Und ich hoffe, auch so gelassen altern zu können, auch wenn die bevorstehende 30 nicht gerade auf Grund körperlicher Zeichen gruselig ist, bis ich mir darum Gedanken machen ‚muss‘ (natürlich muss ich es gar nicht, darum die Gänsefüßchen), habe ich noch ein paar Jahre.

Doch habe nicht auch ich mal über Unsterblichkeit nachgedacht? Das Leben ist so kurz und es gibt so viel gute Bücher, so viele interessante Menschen, Länder und Kulturen, so viel Zeit vergeudet man an langweilige Notwendigkeiten wie Haushalt und Steuererklärungen, wäre ein ewiges Leben nicht wunderbar?

Bruce Willis lehnt die Unsterblichkeit in seiner Rolle ab, auch wenn die beiden Frauen ihn dazu drängen wollen. Unsterblichkeit wäre doch unendlich langweilig, alle Menschen um einen herum sterben, nur man selber nicht, die unsterblich Jugendlichen, zu denen übrigens auch Elvis gehört, als netter Witz am Rande, müssen sich in ihrer verschworenen Gemeinschaft verstecken, um nicht aufzufallen – all das klingt nicht wirklich wünschenswert. Und schauen wir uns die wirklich Alten unserer Gesellschaft mal an – was ist es, worüber sie klagen? Runzeln? Ein weniger straffer Bauch? Wohl kaum. Das ist ein Problem der Vierzigjährigen, nicht der Achtzigjährigen. Dann kommt die Langeweile, die Einsamkeit. Ein ewiges Leben ist nur dann erträglich, wenn alle ewig leben, oder zumindest die, die man am meisten liebt.

Und was, wenn wirklich alle ewig leben würden? Wir dürften keine Kinder mehr bekommen, es ist schließlich jetzt schon ziemlich voll auf der Erde. Im Bild des Films müssten wir auch noch entsetzlich vorsichtig sein, schließlich heilen Verletzungen nicht mehr, ist man erstmal lebender Toter. Wenn Unsterblichkeit wie im Film Unvernichtbarkeit bedeutet (man also nicht nur nicht an Alter stirbt, sondern auch nicht an schwersten Verletzungen) wird das Bild erst richtig grotesk, am Ende fallen beide Frauen vollständig auseinander, doch die vom Körper getrennten Köpfe leben immer noch.

Doch selbst wenn durch irgendeine magische Formel allein der Alterstod verhindert werden könnte und wir solange dreißig sind, bis uns jemand eine Treppe hinunterstößt – wäre das eine schöne Vorstellung? Das Leben wäre zwar vielleicht länger als heute, im Durchschnitt, denn Kinder würden ja immernoch bei schwersten Unfällen sterben, aber dadurch wäre es noch unwägbarer. Wir würden nur noch mehr glauben, ewig Zeit zu haben, und Dinge auf morgen verschieben, weil wir gerade zu faul sind. Und dabei will ich gar nicht eine moralische Unterscheidung zwischen Dingen, die wir tun sollten, und Dingen, die wir tun wollen, treffen. Aber kennt nicht jeder die Situation, dass er irgendetwas wirklich gerne tun würde, es aber doch nicht tut, weil es Aufwand erfordern würde? Ein langes Buch zu beginnen, eine Reise zu machen, ein Instrument zu lernen – all das mögen Dinge sein, die ich gerne tun würde. Aber erst morgen, heute seh ich lieber noch etwas fern, ich bin so müde …

Was wenn ich denken würde, für diese Dinge hätte ich, wenn ich nur immer gut aufpasse und Unfälle vermeide, hunderte von Jahren Zeit? Natürlich kann man mehr oder weniger vorsichtig leben, aber ganz ausschließen lassen sich Unfälle nicht. Dann riskiere ich beim Verlassen des Hauses doch lieber fünfzig bis sechszig Jahre als eine Unendlichkeit …

Und warum fand ich den Film nun so passend für einen Start in meinen Merylmärz? Der Film ist fünfundzwanzig Jahre alt. Wenn Meryl Streep heute noch so aussehen würde wie damals, hätte sie nicht all diese großartigen Rollen spielen können, die sie seitdem gespielt hat. Schönheit ist Ausstrahlung – und die gewinnt eher, durch ein paar Falten.